Erste Hilfe bei einer Kolik

Liegendes Pferd mit Kolik-Anzeichen auf der Einstreu in der Box


Erstveröffentlichung Juli 2023 · Vollständig überarbeitet im September 2026

Dein Pferd scharrt, schaut zum Bauch, legt sich hin und steht wieder auf. Eine Kolik beim Pferd ist immer ein Notfall – und die ersten Minuten entscheiden oft darüber, wie die Sache ausgeht. Hier findest du die wichtigsten Sofortmaßnahmen im Akutfall, klare Warnsignale für den Tierarzt-Notruf und die Fütterungspunkte, mit denen du das Risiko langfristig senkst.

Kolik ist keine seltene Ausnahme. Studien zur Kolikhäufigkeit im Equine Veterinary Journal gehen von etwa vier Kolikfällen pro 100 Pferden und Jahr aus. Der allergrößte Teil davon lässt sich medikamentös behandeln – vorausgesetzt, der Tierarzt kommt früh genug.


Sofort den Tierarzt rufen bei:

  • - heftigem, unkontrolliertem Wälzen oder Werfen, das sich nicht beruhigen lässt
  • - Puls über 60 Schlägen pro Minute in Ruhe (normal: 28–44)
  • - blassen, dunkelroten oder bläulichen Schleimhäuten
  • - starkem Schwitzen ohne Belastung, Muskelzittern, Taumeln
  • - Futter oder Flüssigkeit, die aus den Nüstern läuft
  • - stark aufgeblähtem Bauch und ausbleibendem Kotabsatz
  • - Apathie – dein Pferd reagiert kaum noch, wirkt teilnahmslos
  • - Symptomen, die länger als 30 Minuten anhalten oder nach kurzer Besserung wiederkehren

Und grundsätzlich: Auch bei milden Anzeichen lieber einmal zu früh anrufen als einmal zu spät. Kein Tierarzt ist verärgert über einen Kolikanruf, der sich als harmlos herausstellt.



Das Wichtigste auf einen Blick

  • - Tierarzt zuerst. Anrufen, bevor du irgendetwas anderes machst. Alles Weitere passiert in der Wartezeit.
  • - Futter sofort wegnehmen – Heu, Kraftfutter, Leckerlis, Weidegang. Wasser darf stehen bleiben, wenn dein Pferd normal trinkt.
  • - Niemals eigenmächtig Schmerzmittel geben. Sie überdecken die Symptome und machen die Diagnose für den Tierarzt schwerer.
  • - Nur so viel bewegen, wie dein Pferd freiwillig mitgeht. Stundenlanges Zwangsführen bringt nichts und kostet Kraft.
  • - Kläre den Transport vorab, bevor der Ernstfall eintritt: Wer hat einen Hänger, welche Klinik ist die nächste?


Was ist eine Kolik beim Pferd?

Kolik ist keine eigenständige Krankheit, sondern ein Sammelbegriff für Bauchschmerzen jeder Art. Dahinter können sehr unterschiedliche Auslöser stecken – von harmlosen Blähungen bis zu einer lebensbedrohlichen Darmverdrehung.

Das Problem: Von außen sehen die Formen zu Beginn oft gleich aus. Ein Pferd mit einer leichten Gaskolik zeigt dieselben ersten Anzeichen wie eines, das innerhalb weniger Stunden in die Klinik muss. Deshalb gilt jede Kolik beim Pferd bis zum Beweis des Gegenteils als Notfall.

Die häufigsten Kolikformen

Gaskolik entsteht durch Gasansammlungen im Darm, etwa nach einem Futterwechsel, zu viel ungewohntem Gras, verdorbenem Futter oder langen Fresspausen.

Verstopfungskolik tritt auf, wenn Futter im Darm liegen bleibt – häufig bei zu geringer Wasseraufnahme, hohem Strohanteil oder Zahnproblemen. Untersuchungen der Universität Liverpool zu Risikofaktoren für Verstopfungskoliken zeigen: Kurzfristige Änderungen im Management und in der Fütterung gehören zu den stärksten Auslösern.

Sandkolik entsteht durch aufgenommenen Sand, etwa auf kurz gefressenen Weiden oder wenn Heu auf Sandpaddocks liegt. Vorbeugend kannst du regelmäßig eine Kur mit Flohsamenschalen machen.

Magenüberladung folgt oft auf unkontrollierte Kraftfutteraufnahme – der Klassiker ist die offen stehende Futterkammer.

Darmverlagerungen und -verdrehungen sind die gefährlichsten Formen. Sie brauchen in der Regel eine Operation.

Fütterung und Haltung sind häufige Auslöser, aber nicht die einzigen. Zahnstatus, Wurmbelastung, Wetterumschwünge und Vorerkrankungen spielen ebenfalls mit. Eine Kolik macht dich nicht automatisch zu einer schlechten Pferdebesitzerin.


Kolik erkennen: die Symptome

Jedes Pferd zeigt Schmerzen anders. Manche werden auffällig unruhig, andere ziehen sich still zurück. Gerade die stillen Typen werden leicht übersehen.

Diese Anzeichen deuten auf eine Kolik hin:

  • - Scharren, Aufstampfen, gegen den Bauch treten
  • - Wiederholtes Hinlegen und Aufstehen, unruhiges Herumwandern
  • - Wälzen – auch an ungewöhnlichen Stellen wie Beton oder direkt vor der Raufe
  • - Auffällig langes Liegen oder Nicht-mehr-aufstehen-wollen
  • - Zum Bauch schauen, Rücken aufkrümmen
  • - Schwitzen ohne Belastung
  • - Kein Kotabsatz oder plötzlicher Durchfall
  • - Übermäßiges Gähnen, Leerkauen, Flehmen
  • - Futterverweigerung – bei sonst verfressenen Pferden ein sehr deutliches Signal
  • - Erhöhter Puls, blasse Schleimhäute, Apathie in schweren Fällen

Die britische Kampagne „React Now to Beat Colic" der University of Nottingham fasst es sinnvoll zusammen: Nicht die Schwere eines einzelnen Symptoms zählt, sondern die Veränderung gegenüber dem Normalzustand deines Pferdes.

Sofortmaßnahmen im Akutfall: Schritt für Schritt

1. Tierarzt anrufen

Das ist der erste Schritt, nicht der letzte. Halte bereit: Wie lange bestehen die Symptome? Wie stark sind die Schmerzen? Wann gab es zuletzt Kotabsatz? Gab es eine Futterumstellung?

Speichere die Notfallnummer deines Tierarztes und der nächsten Pferdeklinik ins Handy – heute, nicht im Ernstfall.

2. Futter entziehen

Nimm alles weg: Heu, Kraftfutter, Leckerlis, Weidegang. Ein bereits belasteter Darm soll keine neue Arbeit bekommen.

Wasser darf in der Regel stehen bleiben, solange dein Pferd normal trinkt. Frag beim Telefonat mit deinem Tierarzt kurz nach – bei Verdacht auf Magenüberladung kann die Empfehlung anders lauten.

3. Für eine sichere Umgebung sorgen

Bring dein Pferd dorthin, wo es sich weder selbst noch andere verletzen kann. Eine gut eingestreute Box mit ausreichend Platz ist besser als eine enge Box, in der es sich festlegen kann. Trenne es möglichst stressfrei von der Herde und bleib in Stallnähe, damit der Tierarzt euch schnell findet.

Deine eigene Sicherheit hat dabei Vorrang. Ein Pferd mit starken Schmerzen wirft sich unkontrolliert hin. Nach heutigem Kenntnisstand ist Wälzen eine Schmerzäußerung und nicht die Ursache einer Darmverdrehung – du musst es also nicht um jeden Preis verhindern. Geh nicht dazwischen.

4. Vorsichtig bewegen

Führen im Schritt kann helfen, ersetzt aber keine Behandlung. Die Regel: nur so viel, wie dein Pferd freiwillig mitgeht. Stundenlanges Zwangsführen erschöpft ein Pferd, das seine Kraft gleich für die Behandlung braucht. Will es stehen bleiben und ist dabei ruhig – lass es stehen.

5. Werte erfassen

Wenn du dazu kommst, notiere für den Tierarzt:


Wert Normalbereich beim erwachsenen Pferd
Puls 28–44 Schläge/Minute
Atemfrequenz 8–16 Züge/Minute
Temperatur 37,3–38,0 °C
Schleimhäuteblass rosa, feucht
Kapillare Füllungszeit unter 2 Sekunden


Ein deutlich erhöhter Puls ist eines der wichtigsten Alarmzeichen. Miss ihn ruhig regelmäßig, auch wenn gerade alles gut aussieht – so lernst du den Normalwert deines Pferdes kennen.

Was du auf keinen Fall tun solltest

  • - Keine Schmerzmittel oder krampflösenden Medikamente auf eigene Faust. Sie verschleiern das Bild, und der Tierarzt kann den Schweregrad nicht mehr richtig einschätzen.
  • - Keine Öl- oder Hausmittelgaben über die Nase. Das gehört ausschließlich in tierärztliche Hände.
  • - Kein Abwarten „bis morgen früh". Wenn Symptome nachts auftreten, ruf nachts an.
  • - Keine Fütterung „zur Beruhigung". Auch nicht ein bisschen Mash.

Nach der Kolik: die ersten Tage

Ist die akute Phase überstanden, gibt dein Tierarzt vor, wann und womit wieder angefüttert wird. Meist heißt das: erst nach einigen Stunden, dann in kleinen Portionen, zunächst Heu in guter Qualität.

Schonkost bedeutet vor allem gut kaubares, wasserreiches Futter. Ein Mash wird breiig – nicht suppig – angerührt, damit dein Pferd es trotzdem kauen muss. Ergänzend sind Kräutermischungen eine Möglichkeit, das Futter abwechslungsreich zu gestalten. Alles davon aber nur nach Rücksprache mit deinem Tierarzt und abhängig vom Allgemeinzustand.

Moderate Bewegung tut in dieser Phase meist gut, angepasst an das, was dein Pferd zulässt.

Kolik vorbeugen: die wirksamsten Hebel

Fresspausen kurz halten. Der Pferdemagen produziert rund um die Uhr Säure. Pausen über vier Stunden sind für viele Pferde zu lang. Engmaschige Heunetze oder mehrere Fütterungen helfen.

Futterumstellungen über zwei Wochen ziehen. Die Darmflora braucht Zeit. Das gilt auch für den Anweidestart im Frühjahr.

Wasseraufnahme im Blick behalten. Besonders im Winter trinken viele Pferde zu wenig. Frostfreie Tränken und ein prüfender Blick auf den Wasserzähler lohnen sich.

Bewegung sicherstellen. Ein Offenstall allein reicht selten. Der Weg zwischen Raufe und Tränke ersetzt keine echte Bewegung.

Zähne, Wurmstatus und Sandbelastung regelmäßig prüfen. Wie du den Sandgehalt im Mist testest, erklären wir im Beitrag zu Verdauungsproblemen wie Kotwasser und Durchfall.

Bei wiederkehrenden Koliken genauer hinschauen. Magengeschwüre oder Leberprobleme zeigen sich häufig als leichte, immer wiederkehrende Koliken. Eine Gastroskopie bringt Klarheit.

Häufige Fragen zur Kolik beim Pferd

Darf mein Pferd sich bei einer Kolik wälzen?
Wälzen ist Ausdruck der Schmerzen, nicht deren Ursache. Sorge für genug Platz und halte selbst Abstand. Wichtiger als das Verhindern ist, dass der Tierarzt unterwegs ist.

Wie lange darf ich abwarten?
Gar nicht. Ruf beim ersten Verdacht an. Der Tierarzt entscheidet am Telefon, wie dringend es ist.

Mein Pferd wirkt nach 20 Minuten wieder normal – muss ich trotzdem anrufen?
Ja. Kurze Besserungen kommen auch bei ernsten Verläufen vor. Schildere die Situation und beobachte weiter.

Hilft ein Spaziergang?
Manchmal. Aber nur freiwillig und in Maßen.

Fazit

Bei einer Kolik beim Pferd zählt nicht Heldentum, sondern Nüchternheit: Tierarzt anrufen, Futter weg, sichere Umgebung schaffen, beobachten. Der Rest ist tierärztliche Arbeit.

Was du langfristig beeinflussen kannst, ist die Fütterung. Fresspausen, Futterwechsel, Wasseraufnahme und Raufutterqualität sind die Stellschrauben, an denen sich das Kolikrisiko tatsächlich bewegen lässt.

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Quellen:
Coenen, M./Vervuert, I. (2020): Pferdefütterung. 6. Aufl., S.303ff., Thieme, Stuttgart.
Tinker, M. K. et al. (1997): Prospective study of equine colic incidence and risk factors. Equine Veterinary Journal 29(6).
Hillyer, M. H. et al. (2002): Case control study to identify risk factors for simple colonic obstruction and distension colic in horses. Equine Veterinary Journal 34(5).
University of Nottingham / Redwings: Colic – React Now to Beat Colic.
Foto: Pixabay / Miriam Müller